Ist das nun Metropole oder doch nur Möchtegern? Lohnt sich Weggehen nur noch weiter östlich? Vielleicht ist die Antwort ganz einfach: Wenn Berlin durch Kontraste besticht, dann tut Mitte das erst recht. Und das macht es so spannend. Szenebezirk?! Wenn Bustouristen aus der Generation unserer Eltern mit fasziniert-abgestoßenen Blicken durch das legendäre Kulturhaus Tacheles an der Oranienburger Straße laufen, um mal so richtig alternative Kultur zu gucken, fragt man sich schon, was
aus dem ehemaligen Szenebezirk Mitte geworden ist. Trotzdem wirkt das Tacheles zwischen all den bonbonbunten Fassaden wohltuend unangepasst.
Die Oranienburger Straße entang zu laufen, kann allerdings an Sommerabenden zur Geduldsprobe werden: Ob jung, ob alt, Rucksacktourist oder Ritzbewohner, jeder will die ach so hippe Szenemeile gesehen haben. Und die ortsansässigen Bar-, Boutique- und Restaurantbetreiber haben sich auf diese Klientel eingestellt. Selbst die Damen des ältesten Gewerbes der Welt, die in den späteren Abendstunden den männlichen Teil der Vorübergehenden in Verkaufsgespräche zu verwickeln versuchen, scheinen eher auf auswärtige Kundschaft zu spekulieren. Um seine Sicherheit muss sich im übrigen niemand sorgen: Neben den Prostituierten stehen ein Dutzend Polizisten Nacht für Nacht am Straßenrand. Sie bewachen die prächtige Neue Synagoge, und das Auge des Gesetzes ruht auch auf dem sonstigen Geschehen.